Besprechung von Gm Stefan Kindermann:
In der für mich ebenso erfreulichen wie luxuriösen Tradition fortfahrend, nur Bücher zu besprechen, die mir wirklich gut gefallen, will ich diesmal das neue Werk des besonders als "Französisch-Guru" berühmten Amerikaners John Watson besprechen. Neben seinem Klassiker "Play the French" wurde auch Watsons Werk "Secrets of Modern Chess Strategy" zu Recht hoch gelobt. (Hier gibt Watson einen faszinierenden Überblick über die Entwicklung strategischer Konzepte seit Nimzowitsch).
John Watson ist ein Autor, der Schach wirklich liebt und seine Bücher vermitteln Begeisterung und Freude am jeweiligen Thema! Watsons Eröffnungsbücher quellen über von eigenen originellen Ideen und tief schürfenden Analysen. Er ist stets sehr konkret und an Varianten orientiert, was seinem grundlegenden Fazit in seinem oben erwähnten Strategiebuch entspricht "Im heutigen Schach gibt es keine allgemeinen Prinzipien und Richtlinien mehr, jede Position muss ganz konkret gesehen werden." Auch wenn ich hier nicht ganz mit ihm übereinstimme, so ist doch auch viel Wahres an dieser Aussage und gerade der Umgang mit Computerprogrammen hat dazu beigetragen, das heutige Schach viel konkreter und weniger "prinzipiengläubig" zu machen.
Ich selbst glaube, dass für das Verständnis einer Position sowohl konkrete Berechnungen als auch allgemeine Urteile und Einschätzungen nötig sind, wobei letztere hauptsächlich intuitiv getroffen werden, da sie zu komplex sind, um sinnvoll verbal formuliert zu werden. Gerade diese intuitive Fähigkeit der Beurteilung macht in vielen Bereichen den Menschen dem Schachcomputer immer noch überlegen!
Mit seinem neuen Werk über die Moderne Benoni, die nach 1.d4 Sf6 2.c4 c5 3.d5 e6 entsteht legt Watson im Stil seines "Play the French" ein Repertoirebuch für den Nachziehenden vor:
Gegen jedes weiße Abspiel empfiehlt er mindestens zwei schwarze Antworten, die er in der Folge wirklich tiefgründig untersucht und ausführt. Besonders erfrischend ist hierbei, dass er zumeist von der herkömmlichen "Haupttheorie" und den damit verbundenen Urteilen abweicht und originelle eigene Wege beschreitet. Die moderne Benoni ist eine ebenso reizvolle wie riskante Verteidigung (eigentlich ein Gegenangriff!): In kaum einer anderen Verteidigung gegen 1.d4 erhält der Nachziehende so viele dynamische Gegenchancen und Möglichkeiten auf Gewinn zu spielen. Dafür muss er natürlich auch beträchtliche Risiken in Kauf nehmen, was den Grund dafür darstellt, dass Benoni auf Weltklassebene fast ausgestorben ist. (lediglich Topalow setzt sie gelegentlich ein.)
Tatsächlich gibt die spezielle Bauernstruktur dem Weißen einige "automatische" und brandgefährliche Pläne an die Hand: Den Durchbruch e4-e5, den Hebel b4, die dauerhafte Besetzung des Springerfeldes c4 (wonach d6 sehr schwach ist). -Siehe auch meine Ausführungen im Partienmaterial.
Schwarze Benoni-Niederlagen sind meistens drastisch und lassen an die ansonsten rätselhafte Bedeutung des Namens (Benoni = Sohn der Sorge im Arabischen) denken. Besonders zwei ganz konkrete Varianten (die so genannte Taimanov-Variante nach 4.Sc3 ed 5.cd d6 6.e4 g6 7.f4 Lg7 8.Lb5+ und die moderne Hauptvariante 7.Sf3 Lg7 8.h3 0-0 9.Ld3 haben vielen Schwarzspielern die Freude an dieser Verteidigung ausgetrieben.
Gerade das Taimanov-System gilt als so gefährlich dass die meisten Schwarzspezialisten erst nach der Zugfolge 1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sf3 oder 3.g3 mittels 3...c5 den Übergang wagen. Gerade in diesen Systemen sind besonders faszinierende Gedanken bei Watson zu finden!
Nach einem für meinen Geschmack etwas zu kurz gehaltenen Teil über allgemeine Ideen und Motive (siehe oben, Watson verweist hier auf konkretere Ausführungen im Theorieteil) gliedert er das Material in neun Hauptsysteme die er mit einer Ausnahme sehr ausführlich untersucht. Nur das Abspiel mit 7.f3, das zumeist über die Sämischvariante des Königsinders entsteht ist mit lediglich zehn Seiten etwas knapp gehalten.
Im beigefügten Theorieteil gehe ich auf fünf der wichtigsten Abspiele näher ein, denn um Watson gerecht zu werden, müssen seine Ideen konkret betrachtet werden! Wenn Watson eine kleine gelegentlich auftretende Schwäche in seiner analytischen Arbeit hat, so besteht sie in Unterschätzung der gegnerischen (weißen) Ressourcen. Im Verhältnis zu "Play the French" hat er aber auch in diesem Bereich große Fortschritte gemacht und Fehler sind in einem Eröffnungsbuch nicht zu vermeiden. In diesem Sinn ist meine schachliche Kritik als Anregung für weitere Forschungen zu verstehen, möglicherweise irre ich ja auch!
Mir hat das Buch jedenfalls sehr gut gefallen und mir auch Lust gemacht, wieder Benoni zu spielen! Wie Carsten Hansen in seiner ausführlichen Rezension in www.chesscafe.com ausführt, ist dieses Buch nicht nur für schwarze Anwender der Benoni-Verteidigung unentbehrlich, auch weiße d4-Spieler sollten es studieren, denn "Ihr Benoni-Gegner wird es sicherlich haben!" Übrigens ist das Material wegen möglicher Übergänge durchaus auch für Königsindischspieler von Interesse!
In meinem beigefügten Analysematerial versuche ich auch gleichzeitig, einen kleinen Überblick über den aktuellen Stand einiger wichtiger Abspiele zu geben und einige der wichtigsten strategischen Ideen in diesem faszinierenden Eröffnungssystem zu vermitteln.
Für Watsons Buch gilt jedenfalls: Absolut empfehlenswert, wobei keine herausragenden Englischkenntnisse erforderlich sind.